Viele Österreicher bemühen sich, ihre Nachbarn verstehen zu lernen.
Uwe Mauch
Über einen Mangel an Arbeit können sich Sprachlehrer derzeit wahrlich nicht beklagen – auch Sprachlehrer für Ungarisch, Tschechisch, Slowakisch, Slowenisch, Polnisch, Kroatisch und Rumänisch. Die Zeiten des Kalten Krieges sind auch beim Sprachenlernen endgültig vorbei. Bis vor kurzem lernte man eine so genannte Ostsprache entweder aus Liebe (nicht so sehr zur Sprache als zu einem Partner hinter dem Eisernen Vorhang) oder aus purem Zeitluxus. Wo die Liebe fehlte, fielen die Kurse aus.
Heute boomen Ungarisch und Co. Die Kursteilnehmer sind im Schnitt jünger und zielorientierter. Sie müssen die neue Fremdsprache erlernen. In erster Linie aus beruflichen Gründen. Natürlich gibt es auch noch die Liebenden. Doch neben ihnen drücken jetzt Billa-, Bau- und Bankmanager, Freiberufler und Beamte die Schulbank.
Die Anbieter haben auf die Nachfrage reagiert. Galten noch vor wenigen Jahren die slawischen Sprachen neben Englisch, Italienisch oder Französisch als exotisch oder Ladenhüter, sind heute mehrere Institutionen mit unterschiedlichen Lernmethoden am Markt. Das Angebot reicht von der kostenintensiven Privatstunde über Kleingruppen- und Intensivtrainings bis hin zum preiswerteren VHS-Kurs.
Slowenisch:
Nachfrage: „Während man sich im Zwei-Millionen-Einwohner-Land ernste Sorgen um die Zukunft des Slowenischen macht, hat sich die Kursteilnehmerzahl in Wien, Graz und in Klagenfurt verdoppelt.“
Aha-Erlebnisse: Die Aussprache stimmt mitdem geschriebenen Wort völlig überein, viel mehr als im Deutschen. Undwenn gar nichts mehr geht: Die meisten Slowenen sprechen mehrere Fremdsprachen, auch Deutsch.
Polnisch:
Nachfrage: „Polnisch ist vielleicht nicht ganz so gefragt wie die Sprachen der unmittelbaren Nachbarländer Österreichs. Dennoch besuchen seit zwei, drei Jahren mehr Leute Polnischkurse. Sie bleiben mehrere Semester dran, weil sie die Sprache auch wirklich beherrschen wollen.“
Aha-Erlebnisse: Die gefürchtete Aussprache (Zischlaute) ist nur halb so schlimm, weil es klare Regeln gibt.
Tschechisch:
Nachfrage: „Weiterhin groß, auch von jungen Leuten und Firmen.“
Aha-Erlebnisse: Durch zahlreiche Lehnwörter aus dem Österreichischen. Erfreulich: Kellner, die ihren Schritt beschleunigen, sobald die Gäste einige tschechische Brocken einwerfen.
Ungarisch:
Nachfrage: „War bereits vor dem EU-Beitritt stark, vor allem von Leuten, die sich in Westungarn ein Grundstück gekauft haben und mit lokalen Handwerkern zu tun bekamen.“
Aha-Erlebnisse: Über Defizite in der Aussprache und Grammatik sehen auch die Ungarn höflich hinweg. Hauptsache, der Fremde (be)müht sich. Allein der Versuch zählt.
Kurier, 14.1.2005