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An der Charmegrenze

Wiener Charme:

Der Österreichische Tourismusverband wollte den heimischen Charme unter Unesco-Schutz stellen lassen. Wie bitte?

 

 

Julia Ortner, Christopher Wurmdobler

 

 

Nicht genug damit, dass schon die Wiener Innenstadt oder das Schloss Schönbrunn unter ihrem Schutz zu leiden haben: Jetzt soll die Unesco auch noch den heimischen Charme zum Weltkulturerbe erklären. Zumindest wenn es nach dem Österreichischen Tourismusverband geht. Aber steckt mehr dahinter? Ist der berühmt-berüchtigte Charme in dieser Stadt tatsächlich in Gefahr? Der Falter machte die Probe aufs Exempel und setzte sich mutig dem diskreten Wiener Alltagscharme aus – im Kaffeehaus, in der Bim oder in der Warteschlange. Das Ergebnis: die Falter-Charme-Daten.

 

Das Café Bräunerhof ist bekannt für seine mürrischen Ober und beliebt bei Touristen, die ihren Thomas Bernhard gelesen haben. Aber, Überraschung, beim Falter-Charmetest schneidet der Bräunerhof gut ab. Zweieinhalb Stunden bei einem kleinen Braunen und mit diversen Qualitätszeitungen einen Tisch besetzen, lautet die Versuchsanordnung. Der Ober serviert den Kaffee, lächelt dabei sogar, bringt Leitungswassernachschub, ohne den geringsten Anflug schlechter Laune – und lässt den Gast zweieinhalb Stunden mit seinen Zeitungen in Ruhe. Wo bleibt der Grant zum Kaffee, Herr Ober?

 

Ein Billa auf der Taborstraße, an der einzigen offenen Kasse stehen vier Leute hinter uns und schauen muffig vor sich hin. Wurstsemmel, Cola light, Kaugummi und Schokoriegel kosten drei Euro fünf Cent. Blöd, dass wir nur ganz kleine Münzen dabeihaben. Und das dauert, bis man drei Euro und fünf Cent in Kupferstücken rausgekramt hat – hoppla, jetzt fällt auch noch die Geldbörse runter. Die Kassiererin behält die Contenance, keine Rede vom unfreundlichen Handel, sie rollt höchstens ein bisserl mit den Augen und kriegt so einen nervösen Finger. Der Hackler auf Mittagspause hingegen schnauft genervt, der Typ im Anzug zappelt hektisch, die alte Dame hinter uns sagt’s deutlich frei heraus: „Eine Unverschämtheit, ham S’ es nicht größer? Wir ham ja ned den ganzen Tag Zeit!“ Schlechte Stimmung und Gemurre in der Warteschlange, das anhält, bis die Kassiererin alles nachgezählt hat. Schnell davonschleichen.

 

Rolltreppenfahren bei Peek & Cloppenburg, man steht links, weil man es halt nicht besser weiß. Links stehen soll die Wiener ja generell nervös machen. Gezischel im Rücken, die zwei hinter uns unterhalten sich lautstark: „Unmöglich, dass man auf der Rolltreppe links steht.“ Dann drängt sich einer mit großem Sackerl bewaffnet vorbei und zischt dabei ein gehässiges „Verzeihung“. Auch von stiller Aggression versteht man in dieser Stadt viel.

 

Ringwagen, Station Schwedenplatz, der Fahrer, Modell cooler Hund mit schwarzer Sonnebrille, hängt entspannt in seiner Bim. Also traut man sich ein „Sorry, is this the train to Simmering?“ Das Wiener Linienorgan schaut zuerst verblüfft, typisch dämliche Touris, antwortet aber überraschend milde: „You go to Schwarzenbergplatz, there drives the 71 to Simmering.“ Schönstes Verkehrsbetriebeenglisch, es geht ja doch.

 

 

Falter 12/05

 

 


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