Zeitzeugin I: Herta Spitaler, 68
„Please Chocolate ..“
Dorfgastein war ein kleines Bauerndorf – viele deutsche Soldaten, angeblich aus Hitlers Stab waren im Dorf einquartiert, zur Verteidigung der „Alpenfestung“. Wie die Bomber über uns hinwegflogen, hatten wir keine Angst – da in Bad Hofgastein und Badgastein Lazarette für verwundete Soldaten waren. Ende April, Anfang Mai rückten die Amerikaner immer näher, und schon bald sind auch die deutschen Soldaten geflohen. Die Amerikaner sind mit ihren Panzern eingefahren, und das ganze Dorf ist hingestürmt. Meine ersten englischen Sätze waren „Please Chocolate“ und „Please Chewing Gum“, die amerikanischen Soldaten haben uns Kindern immer etwas gegeben. Ein entfernter Verwandter von uns kam während des Krieges nach Dachau. Bei seiner Rückkehr hat er uns allen damals in der Kirche über Dachau erzählt. Ich glaube, er hat uns Bilder gezeigt, jedenfalls sehe ich das noch vor mir, diese furchtbar ausgemergelten Gestalten. Da wurde uns dann eigentlich erst richtig bewusst, wofür die damals propagierten „Arbeitslager“ tatsächlich gedacht waren.
News, Extra 2005, 3/05
Zeitzeuge II: Ferdinand Valek
„Ich war in Hernals der Erste, der ein Moped hatte“
Ferdinand Valek war in der Jugend ein bunter Hund in Wien-Hernals.
NEWS: Woher stammte Ihr Spitzname „g’schupfter Ferdl“?
Valek: Ich bin aufgefallen, weil ich Gewand angezogen habe, das sonst niemand hatte. Als die Amerikaner einmarschiert sind, haben sie mir eine beige Cordhose geschenkt. Im Judenviertel habe ich einen Selbstbinder gefunden, auf dem der Louis Armstrong abgebildet war. Außerdem hat mir ein befreundeter Schuster rote Schuhe gemacht. Und so bin ich der „g´schupfte Ferdl“ geworden.
NEWS: Wovon haben Sie damals gelebt?
Valek: Ich bin Bracken gefahren und habe Maschanska verkauft. Das sind Äpfel. Ich bin mit einem Wagerl auf die Thaliastrasse gefahren und habe Äpfel verkauft.
NEWS: Und in Ihrer Freizeit sind Sie gerne tanzen gegangen?
Valek: Am liebsten Boogie. Außerdem haben meine Freunde und ich die Musik von Louis Armstrong und Bennie Goodman geliebt.
NEWS: Waren Sie in einer Gang ?
Valek: Meine Freunde und ich waren keine echte Platt’n. Es hat aber schon welche gegeben. Die von der Zirkusgasse oder vom Gürtelcafe waren gefürchtet. Die waren gefährlich. Da sind die Messer locker gesessen. Mich haben sie gemocht. „Da kommt der G´schupfte!“, hat es immer geheißen.
NEWS: Sie waren also kein „Halbstarker“?
Valek: Wie man es nimmt. Ich habe keine Maschine gehabt. Aber ich war der Erste mit Moped in Hernals. Das habe ich wem abgekauft. Meine Freunde haben blöd geschaut, als ich mit dem Trumm dahergekommen bin. Und was das Gefängnis betrifft: Ich habe nie gestohlen. Aber ich habe mir auch nichts gefallen lassen. Wegen Raufereien war ich schon im Gefängnis.
NEWS: Vermissen Sie dieses Zeit?
Valek: Für mich war es eine gute Zeit. Jeder hat jedem geholfen. Das gibt es heute nicht mehr.
News, Extra 2005, 3/05
Tipp:
Im Landeskundepaket "Nachkriegszeit in Österreich" (Modul C) im Österreich Portal finden sie ein Lied des österreichischen Kabarettisten Oskar Bronner, in dem er Ferdinand Valek, den "g'schupften Ferdl" besingt. Riskieren Sie einen Klick!