Vergil Siegl
Es ist Sonntag, halb zehn in der Früh: „Machen Sie schnell, ich hab schon Hunger.“ – Die etwa 45-jährige Dame, die gerade bei der Bäckerei Ströck in der Landstraßer Hauptstraße in Wien einkauft, hat nur wenig Zeit für Journalistenfragen: „Wie gefällt es Ihnen denn, am Sonntag einkaufen gehen zu können?“ – „Ich bin seit Monaten das erste Mal hier“, antwortet die Frau, „und finde, dass es eigentlich nicht notwendig ist. Es kann sich doch jeder seine Zeit so einteilen, dass er den Wochenend-Einkauf auch am Samstag erledigen kann.“
Offenbar nicht. Denn in der Ströck-Filiale herrscht reger Andrang. Vor der Vitrine mit den Topfengolatschen, Zwetschkensandkuchen und Mohnstrudeln bildet sich eine lange Schlange – und das Personal ist im Dauereinsatz. „Dass wir geöffnet haben, wird von den Leuten sehr gut angenommen“, erklärt eine Verkäuferin, „bei uns ist sonntags immer so viel los wie jetzt, von der Früh bis am Abend.“
Während die Verkäufer voll im Stress sind, sehen die meisten Kunden aus, als wären sie noch nicht richtig wach. Bei einigen Herrschaften lugt unter dem Trenchcoat die Pyjamahose hervor. Der 20-jährige Bautechniker Johannes F. – er kam in Hemd und Jeans – kauft neben Brot und Semmeln auch gleich Speck, Liptauer und Saft dazu. „Dass ich am Sonntag einkaufen kann, sehe ich positiv“, meint er. Beruflich sei er viel unterwegs, da komme er unter der Woche nicht zum Shoppen. Geht es nach ihm, haben sonntags nicht nur Supermärkte an Bahnhöfen oder Bäckereien geöffnet, sondern zum Beispiel auch Textil-Läden. „Dann muss man sich nicht so beeilen, alles am Samstag vor sechs am Abend einzukaufen.“
Für das Personal wird der Sonntag damit freilich ein Tag wie jeder andere. „Ich bin es schon gewohnt“, so eine Anker-Verkäuferin. „Jeden zweiten Sonntag arbeite ich. Dafür bekommt man auch ein bisschen mehr bezahlt.“
Was von den Kunden am meisten nachgefragt wird? Semmeln, Semmeln und noch einmal Semmeln. „Wir verkaufen jeden Sonntag 500 bis 600 Stück“, sagt sie, „die Leute kaufen groß für das Familien-Frühstück ein.“ Hinten im Laden sind die Backöfen im Vollbetrieb. Die 31-jährige PR-Angestellte Vroni K. schätzt vor allem, „dass es frisches Brot gibt“. Etwas anderes als Lebensmittel würde sie am Sonntag aber nicht kaufen wollen. „Das ist völlig ausreichend.“
Kurier, 26.9.2005