„Ich hatte ein gutes Leben."
Der Regisseur und „Filmschriftsteller" Billy Wilder, der von Wien über Berlin nach Hollywood auszog, um dort etliche der berühmtesten Filme des Zwanzigsten Jahrhunderts zu drehen, ist 95-jährig in Beverly Hills gestorben.
Isabella Reicher
Los Angeles – „Ich bin jetzt neunzig Jahre alt. Wenn jemand zu mir gekommen wäre, als ich zwanzig war, und gesagt hätte: ,Wie würde es Ihnen gefallen, siebzig Jahre alt zu werden?', hätte ich gesagt: ,Ist in Ordnung! Siebzig!' Jetzt bin ich zwanzig Jahre älter, und keiner würde mehr eine Wette mit mir abschließen."
Umgekehrt hätte der junge Samuel alias Billy Wilder als Zwanzigjähriger wahrscheinlich auch keine Wetten angenommen, in denen ihm eine Zukunft als siebenfacher Oscar-Preisträger vorausgesagt worden wäre: Billy Wilder wurde 1906 in Sucha bei Krakau geboren. Die Familie übersiedelte nach Wien, wo Wilder seine Schulzeit verbrachte.
Danach begann er als Reporter zu arbeiten und schrieb, ab 1926 in Berlin, Reportagen, Kritiken, Interviews, Großstadtgeschichten.
1933 emigrierte Wilder in die USA. Der Großteil seiner jüdischen Familie überlebte die NS-Zeit nicht. „Ich kam, weil ich nicht in einem Ofen enden wollte, ich kam mit nichts in den Händen“, resümierte Wilder später gegenüber dem Regisseur Cameron Crowe im Zuge umfänglicher Interview-Sessions.
Seine Karriere begann in der Hochzeit des Hollywood-Kinos, des klassischen Studiosystems. Wilder wurde Vertragsautor und schrieb an den Vorlagen zu Filmerfolgen wie Bluebeard's Eigth Wife, Ninotchka oder Ball of Fire mit.
1942 führte er erstmals in Hollywood Regie: Der Film hieß The Major and The Minor, eine flotte Screwball-Comedy, die ein geplantermaßen „kommerzieller Film“ war, der seinen Zweck erfüllte: Wilder bescherte Ginger Rogers einige großartige komödiantische Momente und konnte sich als Regisseur etablieren.
Seine Ambitionen fürs Regiefach, meinte er später, hatten auch einen ganz pragmatischen Hintergrund: Der „Filmschriftsteller“ Wilder wollte damit Eingriffen in seine Drehbuchvorlagen zuvorkommen, wie sie innerhalb der arbeitsteiligen, streng hierarchisch organisierten Filmfabrik üblich waren.
Wilder-Filme sind weniger von einem markanten visuellen Stil geprägt als von ihren ausgeklügelten Erzählungen, Dialogen und Pointen. Stehende Wendungen wie „Nobody's perfect!“ sind Legende. In der Rückschau wird der quirlige kleine Mann mit den großen Brillen vor allem als Komödienregisseur erinnert. Dabei vergisst man allerdings seinen Beitrag zum Film noir: Double Indemnity, zählt zu den Klassikern dieses Genres. Und Sunset Boulevard sorgte mit einer ungewöhnlichen Erzählperspektive für Aufsehen: „Wie höflich doch die Leute mit einem umgehen, wenn man tot ist“, sagt der ermordetete Off-Erzähler, bevor er uns an der Vorgeschichte seines Ablebens teilhaben lässt.
Manche haben den schwarzen Humor Wilders mit seiner Wiener Sozialisation in Verbindung gebracht.
Auch das Komische ist in Wilders Filmen selten rein liebenswert, wird stets von einer gewissen Schärfe, von Unfällen und (Selbst-)Entblößungen begleitet.
Mit diesen erinnerten Filmszenen ist ein zweites zentrales Moment verknüpft: Billy Wilder und seine Darsteller, denen er geradezu emblemhafte Szenen schenkte: Jack Lemmon und Tony Curtis in Frauenkleidern, Marilyn Monroe mit hochgewehtem Rock in einem heißen New Yorker Sommer oder der muffelige Walther Matthau und sein hypermotorischer Widerpart Jack Lemmon, in ein wildes Wortgefecht verstrickt.
Mit Wien und der Vergangenheit hat Wilder Frieden geschlossen: 1983 erhielt er den großen Österreichischen Staatspreis für Filmkunst. Im Jahr 2000 wurde er mit der Wiener Ehrenbürgerwürde und der goldenen Ehrenmedaille der Wiener Universität für Musik und Darstellende Kunst geehrt.
Der Standard, 30. /31. 3./ 1. 4. 2002