MuseumsQuartier Wien - Größtes Kulturprojekt eröffnet
Nadja Traxler-Gerlich
Das MuseumsQuartier Wien (MQ), eines der zehn größten Kulturareale der Welt, eröffnet eine eigenständige und neue Kategorie eines urbanen Kulturviertels. Mitten im Zentrum Wiens - bei den großen Museen - in einem Komplex früherer Hofstallungen gelegen, vereinigt das MQ barocke Gebäude und moderne Architektur, kulturelle Einrichtungen aller Größenordnungen sowie verschiedene Kunstsparten und Naherholungseinrichtungen zu einem spektakulären Ganzen. Alte Meister und moderne Kunst, Barock und Cyberspace waren sich in Wien noch an keinem Ort so nahe wie in diesem 60.000 m² großen Kulturareal.
Nach Jahrzehnten der Planung und einer 38-monatigen Bau- und Adaptionsphase bietet der langerwartete Eröffnungsfestakt des MuseumQuartiers (MQ) Wien erstmals einen umfassenden Eindruck von diesem außergewöhnlichen innerstädtischen Raum, der zugleich kulturelles Archiv, künstlerisches Labor und kommunikativer Knotenpunkt ist.
Im September 2001 bzw. im Sommer 2002 folgen zwei weitere Eröffnungsetappen, die das kulturelle Angebot im MQ sukzessive vervollständigen werden.
Zentrum der Künste im Zentrum der Stadt
Österreich und insbesondere Wien wird mit dem MQ um eine internationale Attraktion reicher. Einzigartig dabei ist vor allem der Spannungsbogen, den dieses Kunst- und Kulturzentrum generiert: Die Angebote reichen vom großen Kunstmuseen wie dem Leopold Museum mit der weltgrößten Schiele-Sammlung und dem MUMOK (Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien) über zeitgenössische Ausstellungsräume wie der KUNSTHALLE wien bis zu Festivals, wie den Wiener Festwochen, die wieder im MQ beheimatet sind.
Dazu kommen das internationale Tanzquartier, das Architekturzentrum Wien, herausragende Kunst- und Kultureinrichtungen speziell für Kinder, Produktionsstudios für Neue Medien, Künstlerateliers sowie zusätzliche verschiedene Veranstaltungen und Festivals - alles an einem Standort.
Terrassen-Cafés, Grünoasen, Bars, Shops und Buchhandlungen sorgen auf dem MQ-Areal zudem für ein umfassendes Service- und Freizeitangebot inmitten dieses spektakulären kulturellen Umfeldes.
Das MQ - eine gebaute Vision
Das heutige MuseumsQuartier ist Schauplatz einer bewegten Geschichte. Ein Stück Architekturgeschichte auf geschichtsträchtigem Boden. Zwischen dem Bau der kaiserlichen Hofstallungen zu Beginn des 18. Jahrhunderts, der späteren Nutzung als Messe- und Ausstellungsgelände - daher rührt auch noch die in Wien gängige Bezeichnung für das Areal "Messepalast" - und der offiziellen Eröffnung des neuen MQ Wien im Jahr 2001 liegen immerhin fast 300 Jahre. Alleine die Entwicklungs- und Projektgeschichte des MQ erforderte 13 Jahre.
Das österreichische Architekturbüro Ortner & Ortner realisierte mit dem MQ einen Raum, der die vorhandene historische Bausubstanz mit zeitgenössischer Architektur verbindet. Manfred Wehdorn zeichnete beim Bau des MQ als umsichtiger Spezialist für die Adaptierung denkmalgeschützter Gebäudeteile verantwortlich.
In der gesamten Anlage des MQ sind es drei Neubauten, die den Ort am augenfälligsten prägen. Die neue Kunsthalle in Verbindung mit den Hallen E + G - einst als Winterreithalle genutzt - bildet das architektonische Verbindungsstück zwischen den beiden anderen Neubauten: dem Leopold Museum und dem Mumok.
Als größter Kulturbau in der Geschichte der Republik Österreich eröffnet das MQ mit seinen zahlreichen Portalen und Durchgängen, dem neugestalteten Vorplatz und den Erholungszonen im Inneren eine städtebauliche Verbindungsachse, die die einzelnen Kulturräume der Stadt noch näher zusammenrücken lässt.
Ein architektonischer Rundgang durch das MQ
Betritt man das MQ durch den Haupteingang des Fischer-von-Erlach-Traktes, befindet man sich am größten geschlossenen Platz der Stadt. Vor sich hat man die umgebaute Winterreithalle - die nunmehrige Halle E+G mit der dahinter liegenden neuen Kunsthalle. Aus den Augenwinkeln nimmt man die beiden leicht schräg gestellten Neubauten wahr, links das Leopold Museum und rechts das Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. Diese Bauten stehen zueinander in einem besonderen Kontext und beziehen sich ebenso auf die städtebauliche Situation der Innenstadt und des dahinter liegenden 7. Bezirks, als auch auf die inhaltlichen Unterschiede der sie beherbergenden autonomen Institutionen.
Im Hof selbst herrscht das räumliche Geviert der ehemaligen Hofstallungen, das in einem leichten Winkel von dieser Achse abweicht. Diese Relativierung der Richtungen und Beziehungen ist ebenso ein Prinzip der Ortner´schen Architektur- und Raumauffassung wie das Spiel mit sich einander aufhebenden Gewichtungen und Dominanzen, Gegensätzen und Ambivalenzen der einzelnen Gebäude.
Farblich setzt sich die weiße Kalksteinpflasterung des Hofes an der Fassade des Leopold Museums fort. Sie symbolisiert die konsolidierte Geschichtlichkeit der Sammlung Leopold und steht in deutlichem Kontrast zur Fassade des Museums moderner Kunst mit seinem anthrazitfarbigen Basalt, einem jungen Lavagestein.
Die Kunsthalle dagegen ist außen zur Gänze aus roten Ziegeln. Links und rechts von der Reithalle führen jeweils große Freitreppen zu den Eingängen der beiden Museen hinauf und von dort über Treppen und Brücken auf das Dach des Ovaltraktes und weiter in den angrenzenden 7. Bezirk.
Der Baukörper der Kunsthalle ist ganz im Gegensatz zu den vorderen Gebäuden mit seinen musealen Sammlungen zur Gänze aus Ziegeln - die Mauern, das Dach und der Boden. Es erinnert an eine Werkhalle. Mit diesem Material wird auf den geplanten Inhalt, Wechselausstellungen zeitgenössischer Kunst, Bezug genommen.
Endlich geschafft . . .
Neuer Museumsbegriff
Lange war das "MuseumsQuartier Wien" nur ein Traum, ein Kristallisationspunkt von Hoffnungen und kulturellem Aufbruchswillen. Dann war es plötzlich die "größte Kulturbaustelle der Welt". Und heute am Beginn des Eröffnungsreigen sind die Neubauten bereits in das Ensemble der ehemals kaiserlichen Hofstallungen eingefügt.
Ähnlich wie beim New Yorker Lincoln Center, auf der Berliner Museumsinsel oder an der Washingtoner Mall versammeln sich unter der gemeinsamen Identität "MuseumsQuartier Wien" verschiedene selbständige kulturelle Institutionen.
Dem MQ kommt dadurch auch eine exemplarische Position in der Diskussion um den sich wandelnden Museumsbegriff zu. Bloße "Schatzhäuser" sind in unserer Zeit nicht mehr von Interesse. Statt auf alleinige Repräsentation wird im Wiener MuseumsQuartier bewusst auf "Nutzungsmix", "offenes Besiedlungskonzept" und "kulturelle Vielfalt" gesetzt (gemäß Ministerratsbeschluss von 1996).
Dass die drei vereinzelten Kulturräume (Spittelberg, Museumsforum, Karlsplatz) nun erstmals durch das MuseumsQuartier miteinander verknüpft werden, ist eine große Chance für Synergien und den Austausch von Potentialen.
Darüber hinaus soll es an Ort und Stelle detaillierte Informationen über das jeweils aktuelle Geschehen geben.
Information: www.mqw.at
Wiener Zeitung, 28. 6. 2001