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"Wie schreiben Sie eigentlich?" "Pubertär."

"Ich würde, wenn ich könnte, nur Krimis schreiben." So Ilse Aichinger in der folgenden "Sonderausgabe" ihres "Journals des Verschwindens": Mit dem Krimiautor Wolf

Haas unterhielt sie sich im Wiener Augarten - der auch Schauplatz von Haas' jüngstem Buch "Wie die Tiere" ist.

(...)

Aichinger: Wie schreiben Sie eigentlich?

 

Haas: Pubertär. Ich finde überhaupt keinen Weg, das zu

ökonomisieren. Und dann oft, wenn ich eigentlich gar nicht

will, oder wenn ich grade wo hinmuss, da schreib ich

zwischen Tür und Angel, und das werden oft die besten

Dinger.

 

Aichinger: Sehr gut, das ist so, wie man genau dann

einschläft, wenn man gar nicht schlafen will. Und dann -

schreiben Sie es rasch hin?

 

Haas: Ich brauch' immer die Illusion, dass es nur vorläufig

ist. Ich schreib' eine Rohversion, die aber schon richtig ein

Buch ist, sozusagen. Und dann schau' ich, dass ich noch

Zeit habe, es ist eigentlich fertig, aber liegt dann noch

rum so ein Dreivierteljahr.

 

Aichinger: Was machen Sie dazwischen?

 

Haas: Da mach ich - nichts.

 

Aichinger: Sehr gut. Es gibt heute niemand, der sagt: Ich

mache nichts. Es ist doch heute am wichtigsten, dass

man jedem erzählt, dass man überhaupt keine Zeit hat.

Ich hab' schon sehr früh unter dem Problem von

Langeweile gelitten. Noch wenn ich sterbe, werde ich mich

- zu Tode gelangweilt - im Grab umdrehen. Ich hab' aber

jetzt zu meiner Beruhigung gelesen: Letzte Worte von

berühmten Leuten. Da sagte Churchill: "Es war alles sehr

langweilig."

 

Haas: Das passt doch gut zu so einem Tatmenschen: Er

erkennt, dass er wie ein ungezogenes Kind im Kampf

gegen Langeweile sein ganzes Leben nur für Ramba Zamba

sorgte.

 

Jeder ein Dichter?

 

Aichinger: Lesen Sie Krimis? Haas: Eigentlich wenig. Also,

ich kenn' nur die Klassiker Chandler, Hammett.

 

Aichinger: Beide wollten ja als Dichter gelten, nicht als

Krimiautoren. Dabei ist das viel schwieriger. Als Dichter hat

sich ja immer jeder empfunden, jeder nennt sich Dichter,

was ist das schon.

 

Haas: Klang das für Sie schon früher lächerlich?

 

Aichinger: Als Kind waren wir mal in Altaussee in einem

Kinderheim, und da hat einer Rosen geschnitten, das war

Jakob Wassermann. Jemand sagte: Das ist ein Dichter.

Und ich dachte: Also, die haben auch nichts Besseres zu

tun, als Rosen zu schneiden. Ich würde, wenn ich könnte,

nur Krimis schreiben.

 

Haas: Wo würden Sie die ansiedeln?

 

Aichinger: Ich bin da eher altmodisch: Nebel ist wichtig,

England. In Londons Nebel war es nach dem Krieg so, dass

man nur den Blinden nachgehen konnte, die einzigen, die

etwas finden mit dem Stock. - Recherchieren Sie viel?

 

Haas: Was erfunden klingt, ist oft real, und umgekehrt.

Eines meiner Bücher handelt von einer riesigen

Grillhendl-station in der Steiermark, und da hab' ich

behauptet, im Keller steht so eine Knochenmehlmaschine,

wo die übrig gebliebenen Hühnerknochen verrieben

werden. Und wo immer man hingeht in der Hendlstation,

hört man das leise Surren dieser Knochenmehlmaschine.

Die hab' ich erfunden - und dann hör' ich ganz oft: Oh, toll

recherchiert!

 

Aichinger: In manchen Landschaften muss man wohl gar

nicht recherchieren, weil sie Verbrechen von selbst

hervorbringen. Mary Hottinger spricht einmal von der

"Geisterwelt der britischen Inseln". So ließe sich auch von

der Geisterwelt der österreichischen Inseln sprechen.

 

 

 

Der Standard, 20. Juli 2001

 

 


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