Akebono, der berühmteste Sumo, muss seine Karriere beenden
Tokio - Der Koloss weinte. Ein 233 Kilogramm schwerer und 2,03 Meter hoher Körper enthält eben neben Fett auch ein Menge Wasser. Akebono wischte sich mit einem Tuch, das die Größe eines kleinen Teppichs hatte, die Augen trocken. "Ich wollte dem Schmerz widerstehen. Aber das geht jetzt nicht mehr. Es tut weh, selbst wenn ich nicht Sumo ringe." Also hat der berühmteste aller Sumo gestern seine Karriere offiziell für beendet erklärt. Der 31-Jährige teilte es in Tokio dem japanischen Verband mit. "Meine Knie und mein Rücken schaffen es nicht."
Akebono war anders als die anderen. Weil er gar kein Japaner war. Er stammt aus Hawaii, hieß Chad Haaheo Rowan und spielte als Jugendlicher ganz passabel Basketball. Akebono nennt er sich seit 13 Jahren, "Morgendämmerung" lautet die Übersetzung. Er wurde Sumo, weil er den berühmten Lehrmeister Azumazeki kennen gelernt hatte. "Und weil ich respektiert werden wollte", sagte er später.
Akebono kam im Alter von 18 Jahren ins Internat nach Tokio, der Respekt, der ihm entgegengebracht wurde, sah erst einmal so aus: "15- und 16-jährige japanische Schüler schafften mir an, die Toiletten zu schrubben. Ich musste ihnen ständig Reis kochen." Das brachte vielleicht den Vorteil, dass er unauffällig zwischen den ohnedies reichlichen Mahlzeiten naschen konnte, dicker und dicker, stärker und stärker wurde. Der Nachteil war, "dass ich nächtelang durchgeweint habe". Er habe es mangels Alternative aber geschafft. "Sumo ist kein Sport, den du betreibst. Sumo ist ein Sport, den du lebst."
Akebono litt unterm Rassismus. Im Wrestling wäre er der Bösewicht, in den USA vermutlich der Russe gewesen. "Ich musste mir die kleinste Anerkennung doppelt erkämpfen." Im Ring glückte das in Rekordzeit. Er wurde 1993 der 64. Yokozuna in der Geschichte des Sumo. In absoluter Rekordzeit. Und als erster Nichtjapaner in der 3000-jährigen Geschichte des Sumo. Von null aufs Maximum in fünf Jahren. Er holte elf große Titel. Seinen Kampfstil beschrieb er einmal scherzhaft so: "Ich gehe auf die Gegner zu und stoße sie einfach um. Ihre einzige Chance ist auszuweichen."
Akebono wurde 1996 japanischer Staatsbürger, im Privatleben gab es immer wieder Probleme. Der Lackel reagierte mitunter gereizt. Wenn er einen Rausch hatte und in diesem Zustand gehänselt wurde. So soll es vorgekommen sei, dass er sich wütend aus einer Bar wälzte und draußen auf der Straße ein paar Verkehrszeichen dran glauben mussten. Die Glücklichen wurden nur verbogen, jene, die Pech hatten, abgebrochen. "Ich bin eben auch nur ein Mensch."
Endgültig in Japan als Japaner akzeptiert wurde er 1998 in Nagano, als er im Mittelpunkt der Eröffnungsfeier der Winterspiele stand. Im selben Jahr hat er geheiratet, 1999 kam seine Tocher zur Welt. Akebono, längst Yen-Millionär, hegte dann nur mehr einen Wunsch. "In einer Hand meine Tochter, in der anderen einen Pokal halten." November 2000 ist ihm das gelungen. "Jetzt habe ich die Motivation verloren."
Der Standard, 23.1.2001