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Mitleid ist nicht angebracht

bmsg/com_unit/cizek

Das Jahr der Manschen mit Behinderung in Österreich

 

Martina Salomon

 

      Gelegentlich platzt dem Wiener Schriftsteller Erwin Riess der Kragen. Zum Beispiel, wenn der Behindertenparkplatz von einem Nichtbehinderten blockiert wird und der Betroffene unbekümmert meint: "Wir spenden doch eh dauernd für euch." Rollstuhlfahrer Riess wehrt sich seit langem gegen das Image der "armen Hascherln", das die gerade anrollende "Licht ins Dunkel" Maschine in Penetranz erzeugt.

      Es gibt unausrottbare Stereotype, etwa der dumme Stehsatz "an den Rollstuhl gefesselt". Oder die schlechte Angewohnheit, Behinderte selbst als Erwachsene nur mit Vornamen anzureden.

      Das "Europäische Jahr der Menschen mit Behinderung 2003" soll solche Klischees, entmündigendes Verhalten und Ängste im Umgang mit gehandicapten Personen abbauen helfen. Leitsatz: "Behindert ist, wer behindert wird." Die Hürden sind vielfältig: bauliche Barrieren, entmündigendes Verhalten der Umwelt, Probleme bei der Integration im Bildungs- und Arbeitsmarkt.

      Akzeptanz und nicht Mitleid - das wünschen sich behinderte Menschen und auch deren Eltern. Margit Brunnthaler, Mutter eines achtjährigen Sohnes mit linksseitiger spastischer Lähmung, ist oft zornig, wenn das körperliche Handicap ihres Kindes von Mitmenschen bagatellisiert wird: "Ist ja nicht so schlimm, man sieht es fast gar nicht", hört sie von "Gutmeinenden". "In welcher Gesellschaft leben wir, in der wir Behinderungen nicht mehr sehen dürfen?", fragt sie.

      24.000 Österreicher sitzen im Rollstuhl. Sie haben einen Traum: Auch in Österreich sollte es ein Antidiskriminierungsgesetz nach dem Vorbild der USA geben. Und sie haben einen Albtraum: dass das Pflegegeld in einen an Institutionen und Einkommenshöhe gebundenen "Betreuungsscheck" umgewandelt wird, wie es die SPÖ forderte.

      Der promovierte Politikwissenschafter, Schauspieler und Rollstuhlfahrer Riess hält das vor zehn Jahren eingeführte Pflegegeld für vorbildlich, den Titel aber grundfalsch: Es gehe keineswegs um die Pflege Kranker, sondern um einen Zuschuss für individuelle Assistenzleistungen, die Behinderte im Alltag brauchen.

      Vermögende Behinderte könne man ohnehin mit der Lupe suchen. "Wir zahlen für alles wesentlich mehr", sagt Riess: weil im Auto zum Beispiel der Einbau einer Handschaltung nötig ist oder im Urlaub nur mindestens Viersternehotels (mit Lift) gebucht werden können.

      In den USA habe das Antidiskriminierungsgesetz mit seinem einklagbaren Rechtsanspruch ab 1991 beispielsweise dazu geführt, dass innerhalb weniger Jahre alle Busse für Rollstuhlfahrer zugänglich geworden sind, berichtet er. Und jeder kleine Greißler habe eine Rampe statt Stufen.

      In Österreich hingegen seien bis zu achtzig Prozent der Geschäfte nicht barrierefrei zugänglich.

      Die Regierung hat heuer einen Behindertenbericht vorgelegt. Bis Jahresende ist ein "Behindertengleichstellungsgesetz" versprochen. Dazu tagen derzeit Arbeitsgruppen. Das Gesetz soll auch Sanktionen beinhalten. "Empfehlungen allein sind zu wenig", sagt der zuständige Referent im Kabinett, Heinz Trampisch.

Infos unter: www.andersgleich.at

 

Behinderte brauchen eine rechtliche Gleichstellung,

um den Zugang zu Arbeit, öffentlichen Gütern und

Dienstleistungen zu erhalten.

(Erwin Riess, Schriftsteller)

 

 

Der Standard, 22.10.2003

 


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