"Jeder kann kochen. Macht es einfach!" Jamie Oliver, 28, der populärste Koch der Welt über Höhlenmänner und die Pracht der Tomaten.
Angelika Hager, Nina Horowitz
Jamie Oliver, 28, wurde mit seinen Büchern und TV-Shows zum Robbie Williams der Küche.
profil: Sie haben erheblich zur Demokratisierung der Esskultur beigetragen...
Oliver: Hab ich das? Ich habe keine Ahnung.
profil: Durch Ihre TV-Shows und Ihre Kochbücher wurde Kochen quer durch alle Schichten zum nahezu kultischen Alltagsritual.
Oliver: Das finde ich brillant. Warum ausgerechnet ich diesen Boom initialisiert habe, verstehe ich allerdings bis heute nicht.
profil: Gibt es ein Erklärungsmodell?
Oliver: Möglicherweise hat es damit zu tun, dass ich jung bin. Mein erstes Buch kam raus, als ich 21 war. Es existiert ja die landläufige Meinung, dass junge Leute nur E-Gitarren zertrümmern und an Sex, Drogen und Abhängen interessiert sind. Vielleicht waren die Leute erstaunt, dass ein junger Mensch sich für so was Nützliches wie Kochen mit einer derartigen Leidenschaft begeistern kann.
profil: Was macht die Einzigartigkeit Ihrer Küche aus?
Oliver: Vor allem die Qualität der Produkte. Ich kenne alle Händler in meiner Umgebung, jeden, der auf den lokalen Märkten einen Stand betreibt. Ich versuche das Beste zu finden, was ich kriegen kann. Das ist die Vorraussetzung für gutes Essen, diese Dinge mit Hausverstand und Geschmack zu kombinieren. Es kommt weniger drauf an, wie man kocht, als was man kocht.
profil: Sie verleihen dem Kochen in Ihren Fernsehshows einen Sexappeal, der vor allem den Männern half, ihre Scheu zu verlieren, selbst an den Herd zu treten.
Oliver: Ja, endlich haben die Kerle geschnallt, dass ihre Attraktivität bei Frauen ungeheuer steigt, wenn sie kochen können. Dass sie sich im Alltag so lange davon fern gehalten haben, ist eigentlich seltsam. Männer haben sich diesbezüglich lange wie Höhlenmenschen benommen, die nur den Umgang mit riesigen Fleischstücken und das Hantieren an Feuerstellen innerhalb ihrer Würde befanden.
profil: Inwiefern kochen Männer anders als Frauen?
Oliver: Die größten Köche sind noch immer die Mütter. Denn sie haben das Ernähren in ihrem Instinktsystem. Jemanden zu bekochen ist für mich die höchste Form der Zärtlichkeit, die man Menschen zuteil werden lassen kann. Wenn man abends nach Hause kommt und die Wohnung ist von einer Duftwolke durchzogen, signalisiert das Wärme und Geborgenheit.
profil: In den achtziger Jahren wurde der Esskultur von einer Elite nahezu sakraler Charakter verliehen. Man besuchte die Restaurants von Starköchen wie Bocuse, Ducasse oder Marco Pierre White, als ob sie Kirchen wären.
Oliver: Diesen Köchen haftete dieser göttliche Status an, weil sie unerreichbar waren. Ich gönne diesen Chefs ihren Starstatus von Herzen, aber es ist nicht mein Stil. Warum soll ich eine prachtvolle Tomate vergewaltigen, indem ich sie schäle und zwei Inches tief in irgendeiner hyperschicken Sauce versenke? Ich möchte das meinen Tomaten nicht antun. Das beste Essen, das ich zu mir genommen habe, war immer frisch, pur und simpel.
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