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Früher die Kassen noch nie klingelten

Schon vor Tagen wurde das Weihnachtsgeschäft angekurbelt / Kritik der Kirche und der Psychologen

 

Ulrich Zerbs und Uta Hauft

 

      Das Gewinnstreben einiger Geschäftsleute treibt immer seltsamere Blüten. So haben heuer doch tatsächlich findige Unternehmen den Beginn der Vorweihnachtszeit auf Ende September vorverlegt und hoffen offensichtlich, so die Bilanzen ihrer Betriebe aufpolieren zu können.

      Diese Entwicklung stößt naturgemäß in der Kirche auf Kritik. Doch auch Psychologen warnen vor einem Ausufern des Weihnachtsrummels. Und sogar in der Wirtschaftskammer ist man darüber nicht glücklich. "Vor allem den Kindern tut man damit nichts Gutes", warnt die Kinderpsychologin Elisabeth Zissler, "weil man ihnen damit die Freude schmälert". Und gerade die Vorfreude auf Weihnachten ist für die Kleinen das Schönste. Zissler: "Die eigentliche Adventzeit ist ein Rahmen, in dem Kinder es gut schaffen, auf das Christkind zu warten und sich auch dementsprechend zu freuen." Beginnt der Weihnachtsrummel hingegen bereits Ende September, Anfang Oktober, verflacht diese Vorfreude. Sie kann, sagt Zissler, auch nicht über diese lange Zeit konserviert werden: "Man muss das Kind immer wieder vertrösten. Der Advent ist mit der Zeit auch nichts Besonderes mehr. Er verliert für die Kleinen an Bedeutung, wenn bereits so früh die Weihnachtsdekoration angebracht wird und den Menschen damit suggeriert wird, dass bereits im Herbst Weihnachten vor der Tür steht." 

      Vorfreude lassen. Der Psychologin ist aber auch der frühe Start einiger Weihnachtsmärkte - der Wiener Christkindlmarkt etwa öffnet heuer am 16. November seine Pforten - ein Dorn im Auge. Sie rät, im Privaten den Advent wirklich auf die dafür vorgesehenen drei bis vier Wochen vor Weihnachten zu beschränken. Und im Supermarkt die vorgegaukelte Weihnachtsstimmung bis zum 1. Dezember einfach zu ignorieren: "Man muss den Kindern diese große Vorfreude lassen." Pragmatischer sieht der Präsident der Wiener Wirtschaftskammer, Walter Nettig, diese Entwicklung: "Ein früher Start ist dem Weihnachtsgeschäft, das das wichtigste im ganzen Jahr ist, sicher nicht förderlich." Er könnte sogar kontraproduktiv sein, weil er der fröhlichen Stimmung und dem positiven Klima schaden könnte.

      Tatsache ist jedenfalls, dass die Konsumenten auch durch eine Ausdehnung des Weihnachtsgeschäftes nicht mehr Geld zur Verfügung haben. Nettig: "Wir haben in Wien bei den Geschäftsflächen einen jährlichen Zuwachs von drei Prozent, obwohl die Kaufkraft stagniert. Da kann auch der Start des Weihnachtsgeschäftes im Oktober kein Allheilmittel sein." Er verweist in diesem Zusammenhang auf Länder wie Amerika, die als wesentlich geschäftstüchtiger gelten als Österreich. Dort beschränke sich der Rummel nämlich auf die eigentliche Adventzeit.      

      Ignorieren. Kritik übt Wiens Dompfarrer Anton Faber am Handel: "Der Mensch wird von der Wirtschaft einseitig als Konsument gesehen und teilweise für dumm verkauft." Trotzdem setzt Faber auf die freie Marktwirtschaft und die Vernunft der Kunden. Wird der frühe Start ins Weihnachtsgeschäft ignoriert, könnte er 2003 wieder zurück verlegt werden.

 

Kurier, 12.10.2002

 


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