Schulden bei Mutter Erde
Regine Bohrn
Wien. Seit dem 27. September macht die Weltbevölkerung Schulden bei Mutter Erde. Die Ressourcen (Äcker, Felder, Wälder, Tier- und Fischbestände) sind statistisch gesehen nämlich seit diesem Tag erschöpft. „Den Rest des Jahres werden wir heuer von der Substanz zehren und weiter in der Atmosphäre anreichern. Das ist etwa so, als ob wir unser Jahreseinkommen schon Ende September ausgegeben hätten und nur mehr von den Ersparnissen leben, die unweigerlich zu Ende gehen", erklärt Mathis Wackernagel, Präsident des Global Footprint Networks, das die Welterschöpfungsbilanz ermittelt.
Um festzustellen, wie groß der ökologische Fußabdruck ist und wann die Ressourcen somit verbraucht sind, werden die erforderlichen produktiven Land- und Meeresflächen errechnet, die für den Jahresverbrauch an Gütern und für den Abbau der Abfälle (einschließlich Emissionen) benötigt werden. Dieser Wert wird dann damit verglichen, was die Ökosysteme der Erde tatsächlich bieten können. Laut den Berechnungen der Plattform bräuchte man 1,5 Erden, um den weltweiten Hunger nach Ressourcen zu stillen.
Industriestaaten leben auf Kosten armer Länder
Der „Global Overshoot Day" stellt aber nur einen Durchschnittswert dar. So leben viele Industrienationen bereits seit Monaten auf Pump, während andere Länder – statistisch gesehen – sogar einen Überschuss haben. Zu finden sind die Überschuss-Staaten in Afrika und Asien, sagt Wolfgang Pekny, Geschäftsführer der Plattform Footprint. Dass der ökologische Silvester erst relativ spät stattfindet, „schulden wir den Armen und Ärmsten", meint Pekny.
Seinen Angaben zufolge hat etwa Indien Reserven von einem Jahr und 61 Tagen. Und auch das afrikanische Simbabwe habe noch Kapazitäten, weil der Ressourcenverbrauch niedrig sei. Österreich hingegen mache bereits seit 18. Mai ökologische Schulden. Denn jeder Österreicher verbraucht laut Pekny etwa 5,3 globale Hektar (gha), während jedem Einzelnen nur 1,8 gha zustünden. Basis der Berechnung sind die Flächen, die für den Menschen nutzbar sind und nicht die gesamte Weltoberfläche.
Öko-Schulden seit den 1970er Jahren
Spitzenreiter beim Öko-Schuldenmachen sind übrigens die Bewohner der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Aufgrund des massiven Ausbaus der Infrastruktur haben die VAE den „Overshoot Day" heuer schon am 9. März erreicht. Eher trist ist auch die Situation in Japan und Südkorea. Diese Länder haben ihre Ressourcen zu einem ähnlichen Zeitpunkt wie Österreich aufgebraucht.
Berechnet wird der „Global Overshoot Day" seit 2002. Laut Pekny habe die Weltbevölkerung allerdings schon lange davor mehr verbraucht, als vorhanden sei. Angefangen habe die Entwicklung bereits in den 1970er Jahren. Damals dürfte der Erschöpfungstag aber noch ziemlich ident mit dem eigentlichen Jahresende gewesen sein, denn: „Jedes Jahr rutscht der ‚Global Overshoot Day‘ um fünf Tage vor."
Wiener Zeitung, 28.09.2011