Von Rick, der im Rollstuhl sitzt, und dem Dad des Jahrhunderts
Erik Roos
Boston. Es ist längst dunkel, als Dick Hoyt auf die Zielgerade einbiegt. Die meisten Zuseher beim Ironman auf Hawaii sind nach Hause gegangen, doch einige haben gewartet. Jetzt stehen sie auf, sie jubeln, einige haben Tränen in den Augen. Denn Dick Hoyt ist nicht allein. Vor ihm im Rollstuhl sitzt sein Sohn Rick. 16 Stunden lang hat sein Dad ihn gezogen, getragen, geschoben.
Seit 1977 hat das „Team Hoyt" aus Massachusetts mehr als 1.000 Wettkämpfe bestritten, etwa 69 Marathons und 240 Triathlons und allein viermal den Hawaii-Ironman. Dabei kann Rick weder laufen noch schwimmen. „Ich leihe ihm meine Beine und Arme", sagt Dick, der für seinen Sohn an die körperlichen Grenzen geht. Im Juni ist er 71 geworden.
Die unglaubliche Geschichte der Hoyts beginnt 1962. Als Rick zur Welt kommt, schnürt die Nabelschnur seine Sauerstoffzufuhr ab. Frühkindliche Hirnschädigung, so lautet die Diagnose. „Die Ärzte rieten uns, Rick in ein Heim zu bringen", erzählt sein Vater. „Und sie erklärten, dass er bis zu seinem Tod dahinvegetieren würde." Doch der Oberstleutnant der Nationalgarde nimmt sich vor, seinem Sohn ein weitgehend normales Leben zu ermöglichen.
Mit elf Jahren erhält Rick einen Computer, endlich kann er kommunizieren. „Wir haben Wetten über seine ersten Worte abgeschlossen. Ich habe auf ,Hi, Dad‘ getippt. Seine Mutter auf ,Hi, Mum‘. Doch seine ersten Worte waren ,Go, Bruins‘", sagt Dick Hoyt. Die Bruins, Bostons Eishockey-Team, waren Anfang 1973 der amtierende Stanleycup-Champion. Wenig später bittet Rick seinen Vater, mit dem Rollstuhl bei einem Wohltätigkeitslauf zu starten. „Wir haben die fünf Meilen bis ins Ziel geschafft. Und wir waren nicht Letzter." Wieder zu Hause schreibt Rick: „In diesem Rennen habe ich mich gefühlt, als sei meine Behinderung verschwunden."
Marathon-Bestzeit 2:40:47
Während der Sohn für die Schule lernt, packt Dick Zementsäcke auf den Rollstuhl und trainiert stundenlang für den Boston-Marathon. Zweimal wird ihnen dort das Startrecht verweigert, sie schummeln sich trotzdem ins Feld. Beim dritten Mal schaffen sie ganz offiziell die geforderte Qualifikationszeit von 2:50 Stunden: Dick schiebt seinen Sohn in 2:45:23 Stunden ins Ziel. Bald folgen erste Triathlons, das Team ist fast jedes Wochenende unterwegs. Der Hawaii-Ironman wird zum Highlight. Ihre Marathon-Bestzeit verbessern sie noch auf 2:40:37, ihren Ironman-Rekord auf 13:43:37 Stunden.
Doch der Einsatz fordert seinen Tribut. Die Ehe der Hoyts zerbricht, auch die Gesundheit spielt nicht mehr mit. Heute muss Dick auf der Strecke häufig pausieren. Einen Ironman schafft er nicht mehr, bei Marathons quält er sich. Die Ärzte warnen ihn. „Ich gehe nicht mehr zu ihren Rennen. Ich möchte nicht dabei sein, wenn er eines Tages auf der Straße liegenbleibt", sagt Dicks Schwester Barbara. Doch noch läuft und rollt es, das Team Hoyt.
„Mein Vater ist der Dad des Jahrhunderts. Ich mag behindert sein, aber ich habe ein ausgefülltes Leben", schrieb Rick in seinen Computer. Was er tun würde, wäre er nicht behindert? „Vielleicht Baseball spielen. Aber wenn ich es mir genau überlege – als Erstes würde ich meinen Vater in den Rollstuhl setzen. Und dann würde ich ihn einmal schieben."
Der Standard, 04.08.2011