Mit Pragmatismus in den Mainstream
Petra Stuiber
Der Wiener Gerald Schubert ist Redakteur bei Radio Praha. Er beobachtet den tschechischen Willen zu Eigenständigkeit und Mitschwimmen im EU-Strom aus nächster Nahe und sprach darüber mit Petra Stuiber.
STANDARD: Herr Schubert, was mögen Sie an den Tschechen am meisten?
Schubert: Es gibt Mentalitäten, die historisch begründet sind. Umgelegt auf die Tschechen heißt das, dass sie eine Tendenz zum Pragmatismus haben, wenn es darauf ankommt. Denken Sie an das EU-Referendum. 77 Prozent haben dafür gestimmt, obwohl die Tschechen oft misstrauisch gegenüber Neuerungen sind und eine historische Abneigung gegen Fremdbestimmung haben.
STANDARD: Und wegen dieses Pragmatismus sind Sie nach Prag umgezogen?
Schubert: Nein, es war vor allem die Liebe zur tschechischen Sprache. Ich empfinde es wirklich als Privileg, die Veränderungen dieser Transformationsgesellschaft hautnah zu erleben.
STANDARD: Hat sich Österreich aus Ihrer Sicht für das neue EU-Mitglied Tschechien stark gemacht?
Schubert: Es gibt viele politisch gewichtige Österreicher, denen immer sehr viel an der EU-Erweiterung lag. Andererseits wurde in der Tagespolitik immer wieder versucht, einen externen Gegner aufzubauen, an dem man sich reiben konnte. [...]
STANDARD: Funktioniert Politik in Tschechien anders als in Österreich?
Schubert: Durch die rasante Demokratisierung 1989 hat sich in der tschechischen Gesellschaft eine große Schere aufgetan - zwischen denen, die die Gunst der Stunde nutzen, und denen, die nicht so stark profitierten. Das betraf auch die Politik. Besonders die Jungen nahmen sofort sehr massiv zentrale Stellen der neuen Republik ein. Das macht den politischen Prozess sehr dynamisch. [...]
STANDARD: Haben Sie negative Begegnungen mit Tschechen in Tschechien gehabt?
Schubert: Meine klare Antwort darauf: nein.
STANDARD: Wird Tschechien in der EU mit Österreich gemeinsame Sachen machen oder sich eher an den "Großen" orientieren?
Schubert: Der neue Premier Spidla steht zur Politik "Mainstream in der EU". Das ist wieder sehr pragmatisch.
Der Standard, 24.1.2004
Kindisch, freundlich und stur
Petra Stuiber
Als tschechische Radiokorrespondentin vermittelt Marie Woodhams ihren Landsleuten ein Bild von Österreich. Über Reserviertheit, Vorurteile und Ähnlichkeiten sprach sie mit Petra Stuiber.
STANDARD: Frau Woodhams, was mögen Sie an den Österreichern am meisten?
Woodhams: Österreicher und Tschechen sind einander sehr ähnlich. Manche sind freundlich, manche wieder nicht. Ich bewundere die Österreicher zum Beispiel für ihr fantastisches touristisches Können. Einige in dieser Branche haben so ein gutes Gefühl für Details.
STANDARD: Tschechien tritt nun bald der EU bei. Man sitzt also ab Mai mit den Österreichern sozusagen wieder im selben Klub. Hat sich Österreich aus Ihrer Sicht für Tschechien besonders stark gemacht?
Woodhams: Auf Unternehmensebene schon - da gibt es grenzübergreifende Kooperationen. Wenn ich dagegen direkt in die Grenzgebiete schaue, muss ich sagen, es gibt noch viel Reserviertheit.
STANDARD: Die Probleme zwischen Österreichern und Tschechen werden immer an Temelín und den Benes-Dekreten festgemacht. In beiden Punkten sind "die Tschechen" nach Meinung vieler Österreicher einfach stur. Warum?
Woodhams: Vielleicht, weil die Österreicher sie stur gemacht haben. Aktion weckt immer Gegenaktion. Doch ich möchte gerne unterscheiden: Temelín ist etwas ganz anderes als die Benes-Dekrete. Die Österreicher haben mehr für Umweltschutz übrig als die Tschechen - obwohl die Tschechen jetzt aufholen. Auf der anderen Seite waren manche Aktionen von Österreich kindisch - zum Beispiel die Kinder zum Protest an die Grenze zu stellen. Das hat bei vielen Tschechen Erinnerungen an die kommunistische Zeit geweckt. Da haben sie auch immer Kinder mit Fähnchen aufmarschieren lassen. Die Tschechen fühlten sich provoziert. [...]
Der Standard, 24.1.2004