David Beckham und Jean Paul Gaultier leben es vor: Für Männer sind Lippenstift und Nagellack kein Tabu mehr.
Josef Gebhard, Uwe Mauch
Ohne mit der Wimper zu zucken, lässt Wolfgang die schmerzhafte Prozedur über sich ergehen. Endlos lange fünf Minuten durchforstet die Kursleiterin mit der Pinzette seine Augenbrauen. Doch der 38-jährige IT-Manager bleibt ganz ruhig. Ein Großstadt-Indianer zeigt keinen Schmerz.
Schließlich muss sich der Indianer von heute mehr pflegen als früher. Gelegentliches Rasieren und Duschen reicht bei weitem nicht mehr aus. 2003 war das Jahr, in dem der metrosexuelle Mann von der Werbewirtschaft erfunden wurde. Er lebt seine femininen Seiten aus, ist aber heterosexuell. Der britische Fußball-Adonis David Beckham etwa bekennt sich öffentlich zum Fingernägel-Lackieren und Brusthaar-Rasieren. Jean Paul Gaultier präsentierte im Sommer seine erste Schminkserie für den Mann (Lippenstift inklusive).
Nachhilfe in Männerkosmetik erteilt in Österreich Jacqueline Ondrej alias Jackie O. Die karenzierte Lehrerin bezeichnet sich abwechselnd als Visagistin, "Make-up-Artist" oder "Outfit- und Imagecoach". In der Volkshochschule Stöbergasse in Wien leitet sie – ebenfalls erst seit 2003 – einen Kurs mit dem Titel "Der gepflegte Mann". Zum ersten Termin im November kamen aber gerade einmal sieben Interessierte.
Ondrej weiß auch, warum. Österreich hat auf diesem Gebiet noch einen gewissen Nachholbedarf: "Es gibt noch immer genügend Männer in diesem Land, die sich nicht einmal täglich waschen." Was die Männer-Kosmetik anlangt, sei Wien nach wie vor "das Tor zum Osten". Grausen würde es der Körperpflegerin, wenn sie selten, aber doch in Wien mit der U-Bahn fährt. Ebenso stört sie, dass ihre Kunden noch immer ins Schwuleneck gedrängt werden.
Gepflegt sein wollen auch Wolfgang, Karl und Heimo, die sich auf Einladung des Kurier in das ABC des Schminkens einführen lassen. Jackie O. macht dem Trio zunächst einmal Mut: "Immer mehr Frauen mögen Männer, die durch Ausstrahlung punkten, nicht nur durch Geld." Es sei okay, wenn Männern nicht nur die Pflege ihres Autos wichtig ist.
Mit großer beruflicher Hingabe nimmt sich Jackie O. den Geschäftsmann Karl vor: Kompakte Abdeckcreme NW 25 auf die unschönen Rötungen ("damit das Gesicht gleichmäßiger erscheint"), getönte Tagescreme als Make-up, darüber Puder ("damit die Creme nicht davonrinnt"). Weiters wird Karl mit einer durchsichtigen Wimperntusche, einem Kajal- und einem dezenten Lippenstift bearbeitet. "Mit diesem Outfit können Sie in jedes Geschäftsmeeting gehen", zeigt sich die Volksbildnerin mit ihrer Arbeit sehr zufrieden. Karl ist sich da weniger sicher: "Ich fliege morgen nach Russland. Ob man dort geschminkt ein Geschäft abschließen kann?"
Am Ende des Tages sind sich alle drei Männer einig: Für richtige Kosmetik würde Mann viel Fingerspitzengefühl und noch mehr Zeit benötigen. "Daher überlassen wir dieses Feld besser unseren lieben Frauen", so Wolfgang – allerdings bereits außerhalb der Hörweite von Jackie O.
Meinungen
Heimo, 25:
"Ich habe das Gefühl, nicht mehr ich selbst zu sein. Es wäre mir schon sehr unangenehm, so geschminkt auf die Straße zu gehen. Die kurzzeitige Verwandlung hat zwar Spaß gemacht, aber im Alltag hätte ich keine Lust, mir die fürs Schminken nötige Zeit zu nehmen und Geld für teures Make-up auszugeben. Ich finde, Männer haben das Privileg, so aussehen zu dürfen, wie sie aussehen."
Wolfgang, 38:
"Die Visagistin hat vorm Schminken zu mir gesagt, dass ich danach ganz natürlich aussehen werde, aber halt noch schöner. Darauf habe ich ihr erklären müssen: ,Noch schöner wäre bei mir bereits Kitsch!` Ich war dann auf der Weihnachtsfeier von unserer Firma. Dort ist mein Make-up niemand aufgefallen. Die Frauen waren hinter mir her. Aber das ist für mich ganz normal."
Lexikon
Abdeckstift: Damit bringt man störende Hautverfärbungen und -unebenheiten zum Verschwinden.
Conditioner: Sind Pflegespülungen, die nach der Wäsche kurze Zeit im Haar bleiben. Die Haare werden durch diese Behandlung geschmeidig und leicht kämmbar.
Kajal: Kosmetischer Farbstift zum Hervorheben der Augen.
Make-up: Sammelbegriff für Schminke, Puder etc.
Nagelpflege: Nägel, die über die Fingerkuppe hinausragen, sind keine Visitenkarte. Regelmäßiges Feilen oder Schneiden sind daher Pflicht. Mit einem Rosenholzstäbchen schiebt man die Nagelhaut zurück. Undurchsichtige Nagelhärter sind unisex.
Puder: Wird aufgetragen, damit sich das Make-up nicht bei erster Gelegenheit verflüchtigt. Für Männer mit wenig Zeit: Puder kann auch anstelle von Make-up verwendet werden. So gibt es zum Beispiel Bräunungspuder.
Kurier, 19.12.2003