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Augen zu und durch

 

 

Gordana Radojevic ist Wienerin mit jugoslawischer Staatsbürgerschaft.

 

Julia Ortner

 

Dirndln trägt sie gerne. Den "Musikantenstadl" muss ihr die Tochter aufnehmen, wenn sie gerade auf Urlaub ist. Sie hat ein Woman- und ein Kronen Zeitungs-Abo, auf ihre Krone will sie nach Jahrzehnten nicht verzichten, "weil ich es schon so gewohnt bin". Gordana Radojevic, 55, ist ziemlich verösterreichert. Kein Wunder nach 36 Jahren in Wien. Geblieben sind der resoluten Frau Gordana, wie sie von allen im Mariahilfer Grätzel genannt wird, nur ihr Akzent und die jugoslawische Mentalität, quasi alles nicht so eng sehen. "Ein jugoslawisches Schnapserl?", fragt sie augenzwinkernd, egal, so ein Stamperl geht auch am Nachmittag. "Schick in Tracht" heißt ihr Trachtenmodengeschäft mit angeschlossener Schneiderei in der Hofmühlgasse 15 – und das ist auch modetechnisch das persönliche Motto von Frau Gordana. Flotte trachtige Jacke, Perlenkette und goldene Ohrclips, das schwarze Haar leicht grau meliert: Die Geschäftsfrau aus Jugoslawien verkauft mit Hingabe österreichische Folklore und schaut dabei zwischen Designerdirndl, Trachtenmode und Wolljankern aus, als hätte sie nie was anders gemacht.

 

Alpenländische Tracht von der jugoslawischen "Auskennerin" – schon schräg, findet die Frau, die 1968 mit den ersten Gastarbeitern nach Wien kam. So selbstverständlich, wie sie heute in dem verwinkelten Geschäft mit den grünen Linoleumböden und den schweren, alten Holzmöbeln residiert, hat sie sich aber nicht von Anfang an gefühlt. Als sie vor zwölf Jahren das fast hundert Jahre alte Traditionsgeschäft samt Änderungsschneiderei von den eingesessenen österreichischen Besitzern übernahm, war sie noch unsicher. Würden die Kunden ihre Dirndln bei einer Ausländerin kaufen, die nicht perfekt Deutsch spricht? Radojevic stellte anfangs sogar eine "echte Österreicherin" als Verkäuferin ein, weil sie dachte, das fänden die Kunden angenehmer. War es aber nicht, die extrovertierte Frau Gordana war den Leuten nämlich lieber. Abgesehen von denen, die es nicht packen konnten, dass der ehrwürdige Laden jetzt einer Frau mit fremdländischem Namen gehört. "Eine Kundin war zum Beispiel ganz irritiert, dass die Jugoslawin hinter der Budel nicht die Näherin, sondern die Besitzern ist", erzählt die ehemalige Gastarbeiterin, die trotz gesunden Selbstbewusstseins sicherheitshalber nicht die Chefin raushängen lässt. Um manche Leute nicht vor den Kopf zu stoßen. Frau Gordana hat in den vergangen Jahrzehnten gelernt, dass man als Ausländerin in Wien immer besonders korrekt und ordentlich sein muss. Sie ist darin geübt, sich zurücknehmen, hat sich eine dicke Haut zugelegt: "Es hilft schon, wenn man ein robuster Mensch ist."

 

Angepasst hat sie sich, assimilieren lassen will sie sich allerdings nicht, "Ich bin sowohl Österreicherin als auch Jugoslawin", erklärt die 55-Jährige. Auf die österreichische Staatsbürgerschaft hat sie damals verzichtet, nach langem Hin-und-her-Überlegen bleibt sie im Gegensatz zu ihren beiden mittlerweile erwachsenen Kindern lieber Jugoslawin, "weil so eine bürokratische Sache ihr nach dreißig Jahren wurscht ist." Ihr Pragmatismus vergeht Frau Gordana nur dann, wenn es um Herzensfragen geht: Tief drin ist sie stolze Jugoslawin und schmilzt richtig dahin, wenn sie von der Balkanmusik in ihrem Stammlokal Beograd erzählt – quasi Melancholie pur. Und das, obwohl die gelernte Schneiderin schon ewig weg ist von daheim.

 

Als die Tochter einer kroatischen Familie 1968 nach ihrer Scheidung mit der kleinen Tochter Belgrad verließ, wollte sie in Wien ein neues Leben anfangen. Die Mutter und Schwester waren schon in der Stadt, es war die Zeit, als die ersten Gastarbeiter ins Land strömten und sich die Österreicher noch über die dringend benötigten Arbeitskräfte freuten. Frau Gordana fand schon ein paar Tage nach der Ankunft Arbeit in einer Textilfabrik, in der auch ihre Mutter beschäftigt war.

 

Die Hausmeisterwohnung in Ottakring erbte sie von ihrer Schwester, ihre Mutter und sie arbeiteten in verschiedenen Schichten, um auf die kleine Tochter aufzupassen. Schlafen, hackeln, sparen, einmal im Jahr die "Ausländerarbeitskarte" verlängern lassen. Hilfsarbeit, schlechte Jobs, miese Bezahlung. Als Hausbesorgerin erlebte Radojevic, dass sie für manche Österreicher ein Mensch zweiter Klasse war. Die Ausländerin sollte zwar das Haus schön sauber halten und sofort die Treppen wischen, wenn dem Dackel dort ein Malheur passiert war, die eigenen Kinder durften aber nicht mit dem Gastarbeitermädchen herumtollen. "Es gab nur eine Taxler-Familie im Haus, deren Kinder mit meiner Tochter spielen durften", erinnert sich Frau Gordana und schaut kurz betroffen. "Aber egal, ob wir auch schlecht behandelt wurden, ich habe mich auf die Arbeit konzentriert. Hauptsache, ich habe etwas verdient." Augen zu, Ohren zu und durch.

 

Fremdenfeindliche Beschimpfungen hat sie damals sowieso noch nicht wirklich wahrgenommen. Aber wahrscheinlich nur, weil sie kaum Deutsch verstanden habe, meint sie heute selbstironisch. Gordana Radojevic hat eine klassische Gastarbeitergeschichte – bis sie in Abendkursen ihre Meisterprüfung absolviert und sich nach Jahrzehnten als Fabriksarbeiterin selbstständig macht. Sie kauft das alte Trachtengeschäft für eine Million Schilling, muss einen großen Kredit aufnehmen. "Ich wollte mehr als nur Jobs in der Fabrik. Und ich habe mein ganzes Geld und meine Energie in ein Leben in Wien investiert, im Gegensatz zu anderen Gastarbeitern, die alles nach Hause geschickt haben und im Kopf immer dort waren." So einfach sieht die Schneiderin das Geheimnis ihres Erfolges in der Wahlheimat.

 

Falter 4/04

 


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