Die Entwicklung der Psychoanalyse
Christian Eigner
Die Psychoanalyse sei nicht „aus dem Stein gesprungen“, hatte Sigmund Freud einmal festgestellt. So ähnlich sieht das auch die Vorsitzende der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV), Christine Diercks: „Die Psychoanalyse ist nicht vom Himmel gefallen“, erklärte sie bei der ersten von fünf „Sigmund-Freud-Vorlesungen 2006“.
Vielmehr, erklärte Diercks weiter, war ihre Entstehung in ein komplexes Gefüge historischer Entwicklungen eingebettet. Nur so konnte es dazu kommen, dass eine neue Seelenforschung ihren Fokus auf „nicht abgeführte Affekte“ zu richten begann, die in körperliche Zustände „konvertiert“ wurden, um in Lähmung oder Ohnmacht „symbolhaft dargestellt“ zu werden.
Die Jagd auf das Phänomen der so genannten Hysterie hatte begonnen. Und mit ihr die Jagd auf ein neues Behandlungsverfahren, mit dem man sich der Hysterie therapeutisch erfolgreich annähern zu können hoffte. Und es war tatsächlich eine Jagd: Verschiedene Spuren wurden verfolgt; Rückschläge, Umwege und andere Mühen waren an der Tagesordnung. Was an den „großen Krankengeschichten“, so der Titel der Vorlesungen, deutlich wird – etwa an jener der „Anna O.“ (ab 1880).
Zwei Jahre lang musste Josef Breuer, Freuds Förderer und Freund, mit „Anna O.“ alias Bertha Pappenheim ringen, bis es zu einer tatsächlichen Verbesserung ihres Gesundheitszustands kam. Wobei Breuers Arbeit vor allem im Zuhören bestand, das Bertha, wie sie selbst betonte, jedoch ungemein gut tat.
Dass damit die Psychoanalyse bestenfalls in groben Zügen auf den Weg gebracht war, machte Peter Skriboth, Mediziner und Psychoanalytiker, in seiner Darstellung einer anderen Krankengeschichte deutlich. Nämlich in jener der „Emmy von N.“ (ab 1889): Obwohl Freud die Redekur Breuers und ihren „kathartischen Effekt“ schon kannte, war sein Vertrauen in diese offensichtlich nur sehr eingeschränkt vorhanden: Bei „Emmy von N.“ setzte er weiterhin auf Hypnose und Suggestion, um die hysterischen Symptome zu therapieren.
Einen großen Schritt Richtung Psychoanalyse tat Freud mit einem ganz anderen Fall, und zwar mit der Behandlung der „Elisabeth von R.“ (ab 1892). Denn nicht nur verzichtete er hier erstmals tatsächlich auf den Einsatz von Hypnose (bei gleichzeitiger Konzentration auf das kathartische Verfahren): Wie die Psychoanalytikerin Elfriede Fidal in ihrem Beitrag aufzeigte, realisierte Freud in der Arbeit mit Elisabeth die „Bedeutung der Sexualität für die Entstehung von Neurosen“. Wie er auch zu verstehen begann, dass die (Rede-)Kur Zeit braucht.
Denn es waren, sagte Fidal, unzählige „Schichten pathogenen Materials“ auszuräumen, bis Freud die wirklichen Gründe für die Schmerzen der jungen Frau an der Vorderseite der Oberschenkel fand: Sie lagen darin begründet, dass sich Elisabeth zuvor in ihren Schwager verliebt hatte, diese Gefühle und den damit verbundenen erotischen Konflikt aber „abwehren“ musste. Was durch Verdrängung passierte und zur Folge hatte, dass sich das Liebesleid als körperlicher Schmerz artikulierte.
Erstmals erfasste Freud bei „Elisabeth von R.“ das Phänomen der Abwehr – wie er auch begriff, dass Patienten gegen die Aufdeckung dieser seelischen (Abwehr-)Dynamik Widerstand leisten, der sich nur durch den großzügigen Einsatz von Zeit abbauen lässt. Diese Fälle machen deutlich, wie langsam die Psychoanalyse entstand. Nicht nur fiel sie nicht vom Himmel: Sie wurde nicht einmal geschaffen. Vielmehr entwickelte sie sich in bester Forschungstradition – Schritt für Schritt.
Internet: www.psychoanalyse.org
Der Standard, 24.1.2006