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Echt? Jetzt hör' aber auf!

Gerüchte und Tratsch gehören zum Alltag wie der Kollege, der angeblich...

 

Barbara Reiter

 

 

Als Herr X ins Büro kommt, ist es verdächtig ruhig. Wo sind denn alle? Ach, in der Kaffeeküche brennt Licht. Als er näher kommt, hört er aufgeregtes Getuschel. Alltag im Arbeitsleben. Doch was mag heute wieder im Busch sein?

 

Das ist wohl wieder mal ein Gerücht im Umlauf. „Gerüchte sind überall, egal in welchen gesellschaftlichen Lebenssphären wir uns auch bewegen“, weiß der französische Gerüchteforscher Jean-Noël Kapferer. Am Arbeitsplatz, an dem wir einen Großteil der Lebenszeit verbringen, brodelt’s in der Gerüchteküche besonders heftig. Vor allem der permanente Wandel der Gesellschaft trägt dazu bei, dass Gerüchte auf fruchtbaren Boden stoßen.

 

Herr X betritt den Raum. Plötzlich wird es still. Frau Y hält inne, die Hand vor dem Mund. Was gibt es denn da zu tuscheln? Meinen die etwa ihn oder geht es um den neuen Eigentümer der Firma? Herr X ist verunsichert.

 

Ursachenforschung. „Wenn ein Gerücht entsteht, dann hat das meist einen Grund“, sagt der Wiener Soziologe Reinhold Knoll. „Immer, wenn Menschen nicht über tatsächliche Zusammenhänge informiert sind, beginnen sie, die bruchstückhaft bekannte Wirklichkeit mit Interpretationen zu ergänzen.“ Wenn Firmen ihre Mitarbeiter über Umstrukturierungen im Ungewissen lassen, beginnt der Flurfunk zu senden. Spekulationen sind Tür und Tor geöffnet.

 

Herr X grüßt, nimmt sich seinen Kaffee und verlässt, da er ignoriert wird, verdutzt die Kaffeeküche. Doch sein Alarmsystem läuft auf Hochtouren. Er geht ums Eck, lauscht – und siehe da, es fällt sein Name.

 

Werden Gerüchte über Personen gestreut, kann das laut Individualpsychologen mehrere Ursachen haben. Das geht von der Lust nach Aufmerksamkeit (haben Sie schon gehört?) über die Entschuldigung eigener Mängel (man bringt es nur zu was, wenn man ein Selbstdarsteller ist), bis hin zu Überlegenheit (wie kann man bloß ein Verhältnis am Arbeitsplatz anfangen?) sowie Rache und Neid (dem werde ich es jetzt einmal zeigen!).

Gerüchte können in die Wirklichkeit eingreifen. Im Zusammenhang mit Mobbing und Bossing werden sie benützt, um Menschen auszugrenzen. Man streut sie mitunter gezielt, um andere zu schädigen oder um eine Bewegung – für oder gegen etwas – in Gang zu bringen. Beim vertraulichen Gerücht, das nicht weitergesagt werden darf, beschleunigt sich die Geschwindigkeit der Verbreitung.

 

Herrn X kann man kein X für ein U vormachen. Da ist eine Verleumdung im Gange. Er hat genau gehört, dass Frau Y und Herr Z über ihn gesprochen haben. Wutentbrannt legt er die Hand auf den Türgriff und macht sich bereit zur großen Attacke.

 

Was also tun, wenn man erst einmal ins Gerede gekommen ist, im Kreuzfeuer der Kritik steht? „Ein Dementi ist keine zugkräftige Nachricht,“ meint Gerüchteexperte Kapferer. Gegendarstellungen wirken eher wie eine Bestätigung des Gerüchts. Experten raten also, in Deckung zu gehen und sich zu einem Gerücht gar nicht zu äußern. Die Begründung: Gerüchte verbreiten sich zwar meist wie ein Lauffeuer, sie haben aber meist eine kurze Lebensdauer. Wer sich zu Spekulationen äußert, gießt nur neues Öl ins Feuer. Das Gerücht erhält also neuen Zündstoff und lebt weiter.

 

Maßlos übertrieben. Womit man der bösen Nachrede noch nachkommen kann: Der deutsche Kommunikationsberater Manfred Piwinger rät zu Übertreibung. „Und zwar bis zu dem Grad, bei dem das Ganze unglaubwürdig wird. Wenn das gelingt, hat man sein Ziel erreicht und das betreffende Gerücht verschwindet vom Markt.“

 

Herr X hält noch einmal inne. Frau Y schluchzt. Herr Z meint, dass es schon wieder werden wird – und dass eine Scheidung zwar ein Ende, aber auch einen Neuanfang bedeutet. Aha, überlegt X. Noch gar nicht geschieden und schon macht sich der Z an die Y ran. Das muss er der W erzählen!

 

Kurier, 3.3.2006

 


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PSSST!

Klassische Wort-Kombinationen, die als sichere Indizien dafür stehen, dass wir uns während des Dialogs in einer Grauzone zwischen Wahrheit und Gerücht, zwischen Information und Intrige befinden.

 

Man hört, dass... Man heißt eigentlich „Ich“, lässt aber ein Hintertürl offen. Das verlässt aber bitte diesen Raum nicht. Wie auch immer das gehen soll, natürlich nicht. Nie. Außer...

 

Hast du schon gehört, dass... Nicht? Na Gott sei Dank hast du mich als Informanten.

 

Mir hat ein Vöglein gezwitschert, dass... ich ein feiger Hund bin, der sich zwar wichtig machen will, sich aber zur Sicherheit hinter Anonymus verschanzt.

 

Das muss unter uns bleiben. Wird auch gerne mit einem wirklich verstärkt. Macht den Inhalt spannender.

 

Unter uns gesagt: Jetzt wird wirklich Tacheles geredet, aber den Mut zur Verlautbarung hab’ ich nicht. Könnte mir ja schaden.

 

Ich sag’ dir das hinter vorgehaltener Hand. Weil ich im Grunde gar nix weiß.

 

Häng’ das aber bitte nicht an die große Glocke. Das „bitte“ ist beinahe schon eine verschlüsselte Einladung, es unbedingt an die große Glocke zu hängen (wenn geht, mit Quellenangabe).

 

Das ist aber jetzt ausschließlich für deine Ohren bestimmt. Siehe eventuell Glocke.

 

Kurier, 3.3.2006

 


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