Zirkuskünstler kennen das Rampenlicht und die Manege.
Ins Zirkuszelt Roncalli führen zwei Wege. Der einfache: Man kauft sich eine Karte. Der zweite Weg ist umständlicher. Er führt vom Kindheitstraum, auf der Bühne zu stehen, über eine Ausbildung in Akrobatik, Musik und Schauspiel nach hartem Training mitten in die Manege. Hier steht man, Jahre später, jenen gegenüber, die sich eine Karte gekauft haben: dem Publikum.
Konstantin Mouraviev war 11 Jahre alt und besuchte eine Moskauer Gymnastikschule, als eines Tages Zirkusleute hereinspazierten, auf der Suche nach akrobatisch begabten Kindern. In Konstantin wurden sie fündig.
Heute begrüßt er das Publikum als staubwedelbewaffneter Requisiteur. In der Manege schwingt er sich in ein Rhönrad – ein mannshoher Reifen mit Haltegriffen und Fußstützen, 40 Kilo schwer.
„Ich bin jetzt 34 und versuche, meine Kondition noch ungefähr zehn Jahre zu halten“, erzählt Mouraviev, „dann muss ich wohl mehr aufs Komödiantische umsatteln.“ Die Rolle des Clowns hält er für die anspruchsvollste. „Es ist nicht leicht, die Leute zum Lachen zu bringen. Man muss jonglieren, Musik machen, komisch sein.“ Aber für die Clownkarriere hat er ja noch Zeit: „Junge Clowns sind normalerweise nicht lustig“, sagt Mouraviev, grinst und dreht den Staubwedel zwischen seinen Fingern.
Einer, der es wissen muss, ist David Larible. Anders als Mouraviev verfügt er über echtes Zirkusblut. Seine Mutter stammte aus einer italienischen Zirkusfamilie, in Laribles Stammbaum tummeln sich Artisten und Jongleure.
„Ich selbst wollte immer Clown werden“, erinnert er sich. In seinem Wohnwagen macht er sich für den nächsten Auftritt fertig und hat „nur kleine Zeit“. „Wenn einer der Clowns verletzt war oder krank, haben sie immer gefragt: David, willst du nicht einspringen?“ David ist immer eingesprungen.
Laribles Sohn ist acht Jahre alt und setzt die Familientradition fort; er assistiert seinem Vater bei kleineren Nummern in der Manege. Die Schule leidet darunter nicht: „Mein Sohn bekommt den Unterricht auf DVD zugeschickt“, erzählt Larible, „seine Hausaufgaben schickt er dann wieder an die Schule.“
Der Clown befestigt seine Hosenträger und lauscht auf die Musik der Zirkuskapelle, die ihm seinen Auftritt ankündigt. 1999 wurde er in Monte Carlo mit dem „Goldenen Clown“ ausgezeichnet, der höchsten Auszeichnung für Zirkuskünstler: Fühlt er sich manchmal als Star? Larible schüttelt den Kopf. „Wenn du denkst, du bist ein Star, dann bist du fertig“, sagt er ernst. Allüren könne er sich nicht leisten, Disziplin sei im Zirkus genau so wichtig wie in der Oper oder im Ballett.
„Mir hat ein 80 Jahre alter Clown einmal gesagt, er lernt jeden Abend wieder etwas Neues in der Manege. Denn weißt du: Der Applaus ist etwas Zerbrechliches. Wenn der Zirkus leer ist, gibt es kein Lachen, keinen Applaus. Du kannst gar kein Star sein: Du musst jeden Abend wieder von vorne anfangen.“
Kurier, 23.9.2006