Erich Kocina, Mirijam Marits
Kinder nerven. Im Flugzeug und im Nobelrestaurant. Diese – sinngemäß zitierte – Aussage von Neo-Familienministerin Andrea Kdolsky sorgt für extremen Aufruhr. Doch inwieweit hat die Ministerin damit ins Schwarze getroffen? Wie kinderfreundlich ist Österreich denn nun wirklich?
„Ganz alleine ist die Familienministerin mit ihrer Einschätzung nicht,“ sagt der Freizeit- und Tourismusforscher Peter Zellmann. Kinder polarisieren zunehmend, meint er, die Kinder-Skepsis der Österreicher würde steigen. Ablesen könne man das etwa auch daran, dass in vielen Bereichen Kinder einfach nicht vorgesehen sind: „Der ganze Freizeitbereich ist weitgehend auf kinderlose Menschen ausgerichtet und selten kindergerecht“, so Zellmann. So gebe es kaum Tennis- oder Golfplätze, die einen eigenen Bereich für kleine Gäste haben. „Das gilt aber auch für Geschäfte, Arztpraxen, Kinos.“
Essen
In Lokalen werden Kinder am Nebentisch von vielen Gästen als störend empfunden. Ganz anders als in anderen Ländern: „In Italien ist es etwa selbstverständlich, dass es in Gasthäusern lauter zugeht“, so Bernhard Seidler vom Kinderbüro Steiermark. Immerhin, zumindest manche Gastronomen schauen zunehmend auf das jüngere Klientel: „Die Lokale sind kinderfreundlicher geworden“, sagt Andreas Cancura vom Katholischen Familienverband, der einen Gastronomieführer für kinderfreundliche Lokale herausbringt.
So würden immer mehr Betriebe Wickeltische, Spielmöglichkeiten und Kinderbücher anbieten.
Wohnen
Wohnsiedlungen: Wo viele Kinder und Erwachsene auf engem Raum zusammenleben, ist das Konfliktpotenzial hoch. „Die Zahl der Probleme in Siedlungen ist in den vergangenen Jahren gestiegen“, sagt Kinderanwalt Christian Theiss. In den meisten Fällen gehen diese Konflikte zu Ungunsten der Kinder aus. Oft dürfen Kinder in Mittagspausen oder nach 18 Uhr nicht mehr im Hof spielen.
Spielplätze gibt es theoretisch ausreichend, zumindest in Wien: 0,47 Prozent der Stadtfläche sind Kinderspielplätze, damit liegt Wien österreichweit auf Platz eins. Und auch im Vergleich mit deutschen Großstädten bietet Wien „qualitativ und quantitativ“ mehr Spielraum.
Mitreden
Dass die Kinder das Kommando übernehmen, wie es Herbert Grönemeyer einst gefordert hat, steht in Österreich nicht wirklich zur Debatte. Im Gegenteil, das Mitspracherecht für die Jüngsten ist eher gering, „Es gibt Spielräume im Schulbereich und in der Jugendarbeit“, sagt Kinderrechtsexperte Helmut Sax, „aber bei strukturellen Möglichkeiten sind sie noch nicht umgesetzt.“
Die Presse, 19.1.2007