Jeden Samstag ab fünf Uhr früh durchstöbern Altwaren-Profis den Naschmarkt.
Verena Kainrath
Kurz vor sechs Uhr: „Müssen S’ sich so ausbreiten? Jetzt drängen S’ doch net so!“ Herr Luis lässt seinem behäbigen Kontrahenten unwirsch den Vortritt. „Was wollen S’ für des da?“, fragt er und zeigt abfällig auf eine Brosche. „60 Euro!“, sagt die junge Frau hinter den halb ausgepackten Kartons und versucht ihr Hab und Gut nicht aus den Augen zu lassen. Die Hektik treibt ihr trotz der beißenden Kälte rote Hitzeflecken ins Gesicht. Herr Luis schüttelt den Kopf und lächelt milde. „Sie sind am Flohmarkt, Gnädigste. Ich schau später wieder vorbei.“ Die Dämmerung des frühen Morgens hat den alten Mann in der abgewetzten Lederjacke rasch verschluckt. Langsam nehmen die Altwaren-Stände am Wiener Naschmarkt Konturen an. Der Dampf heißen Kaffees aus Plastikbechern mischt sich mit Atemwolken. Flinke Finger wühlen sich durch Kisten, tasten altes Porzellan ab, verstohlen werden Lupen gezückt.
Gute Geschäfte
Wenige Meter abseits im sanften Licht der Straßenlaterne wechseln 100 Euro und ein gerahmtes Gemälde die Besitzer. Herr Franz kann das Funkeln in seinen Augen nicht verbergen. Ein echter Stoitzner aus dem Jahr 1912 sei das, sagt er. Das erkenne er auf den ersten Blick. Im Auktionshaus Dorotheum bringe ihm der 500 Euro ein.
Das gute Geschäft macht ihn gesprächig. Wer die Gustostückerln will, müsse samstags vor sechs Uhr früh auf den Beinen sein und das Angebot privater Händler durchstöbern. Denn die misteten die Dachböden ihrer Großeltern aus.
Er habe so vor Jahren einen originalen „Ernst Fuchs“ erstanden – für 1.500 Euro. Versteigert habe er ihn für 10.000 Euro. „Es hätte auch eine Fälschung sein können“, sagt er und nickt bedeutungsschwer. Das sei eben das Risiko, doch das gehe er am Flohmarkt lieber ein als an der Börse. „Ich habe da einmal eine halbe Million Schilling verloren. Das Kapitel ist für mich beendet.“
„Richtig fündig“
„Das ist besser als jedes Glücksspiel“, flüstert ein Mann unter einer breiten Hutkrempe hervor und lässt den Blick scheinbar teilnahmslos über rosa Lilienporzellan, rostige Taschenuhren und düstere Kerzenständer wandern. 90 Prozent davon sei Müll, aber zweimal im Jahr werde er fündig. „Richtig fündig“, sagt er und seine Nase zuckt vor Vergnügen. „Die übrige Zeit hofft man, dass es heute passiert.“
Herr Josef lässt sich in abgerissenen Turnschuhen und mit Sonnenkappe durch die Menge treiben, erkundigt sich da und dort nach dem Preis. „Mit dem Sonntagsgewand zahlt man gleich das Dreifache“, sagt er im schönsten Schönbrunner-Deutsch. Er durchforstet den Flohmarkt regelmäßig seit 20 Jahren und ersteht um einen Euro Schmankerln, die 100 wert seien, sagt er.
„Alles alte Füchse“
Frau Agnes nickt ihm grüßend zu. Sie ist Ende 20, hat die Wollhaube in die Stirn gezogen und die Hände tief im Anorak vergraben. „Alles alte Füchse“, sagt sie und lacht. Sie studiert Kunstgeschichte und arbeitet für ein Wiener Auktionshaus. Wochenends durchstreift sie Flohmärkte mit Taschen voller Zehn-Euro-Scheine. „Die Erste bin ich nicht mehr, das sieht man gleich“, murmelt sie, stoppt dann aber doch vor einer grünen Vase mit Stierkopf. „25 Euro kostet die“, trompetet eine rüstige Händlerin über den Tisch. „Zehn.“ „Fünfzehn?“ „Nein, zehn.“ „Na gut, weil Sie es sind. Ich bin heute großzügig.“ Die Vase verschwindet in Agnes Beutel. Ein wenig abgeschlagen sei sie, sagt sie – und außer Hörweite der Verkäuferin: „Aber noch immer gut 200 Euro wert.“ Ihr würden schöne Dinge nur so zufliegen und sie denke oft darüber nach, was die Leute zwischen all dem Tand suchten. „Es sind vielleicht die verloren gegangenen Erinnerungen.“
Der Standard, 3./4.3.2007