Kann ein Lottomillionär glücklich sein?
Wenn viele Millionen Euro auf dem Konto landen, sind plötzlich alle Regeln des eigenen Lebens außer Kraft. Damit muss der Gewinner fertig werden.
Ursula Kastler
Wovon träumen Sie? Von einem Häuschen mit Blick auf den See? Einer Villa im Stil von Palladio? Einem Bauernhaus in der Provence? Einem Flitzer aus italienischer Karosserieschmiede? Oder doch mehr von der Reise um die Welt? Davon, eine karitative Stiftung einzurichten?
In Italien wurde der Jackpot mit unvorstellbaren rund 148 Millionen Euro geknackt. In der Bar „Biffi“ des kleinen Ortes Bagnone in der Toskana war die Zahlenkombination des Millionengewinns angekreuzt worden. Seitdem steht das Dorf Kopf. Die Identität des glücklichen Gewinners ist (noch) unbekannt.
Des glücklichen Gewinners? Ganz automatisch nehmen Außenstehende an, dass ein Mensch mit der Aussicht auf knapp 148 Millionen Euro auf seinem Bankkonto glücklich sein muss. „Das stimmt so nicht. Wenn Menschen ihren persönlichen Hauptbedarf abgedeckt haben, macht mehr Geld nicht automatisch glücklich“, sagt Cornel Binder-Krieglstein, Gesellschaftspsychologe im Berufsverband Österreichischer Psychologen. Woran diejenigen, die „nur“ träumen, nicht denken: Für den, der eine große Summe Geld gewinnt, ist mit einem Schlag nichts mehr wie vorher in seinem Leben. „Auch wenn das Ereignis positiv ist, es verändert bis hin zum sozialen Umfeld alles und das bedarf einer hohen Anpassungsleistung. Es ist nach dem ersten Glücksmoment Stress pur – selbst für Menschen mit einer sehr gefestigten Persönlichkeit“, stellt Binder-Krieglstein fest.
Warum spielen Menschen Lotto? Wissenschafter des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln haben sich mit dem Lotteriemarkt ausgiebig beschäftigt. Die Wahrscheinlichkeit von einem Blitz getroffen zu werden, ist 4,6 Mal höher als sechs Richtige im Lotto zu tippen. Die Gewinnchance liegt bei 1: 14 Millionen. Die Soziologen Mark Lutter und Jens Beckert haben das wissenschaftlich belegt, was jeder mit vernünftigem Nachdenken weiß: Objektiv gesehen ist Lottospielen irrational und wirtschaftlich unsinnig. Die Renditeerwartung ist negativ, ein Spieler verliert auf lange Sicht mehr als er einsetzt. Wären da nicht ab und zu Menschen, die gewinnen und – die Hoffnungen: Die Hoffnung auf den großen Gewinn sei stärker als das Bewusstsein für das Verlieren, sagen die Forscher. Der Lottomarkt sei ein Markt für Träume. Regelmäßige Spieler seien meist Vollzeitbeschäftigte mit geringer Aussicht auf Aufstieg und mit wenig Handlungsspielraum in ihren Berufen. Die Höhe des Einkommens spiele kaum eine Rolle für die Entscheidung, immer wieder den Schein auszufüllen.
Italien will übrigens Glücksspielen jetzt Grenzen setzen. Der Staatsrat, die zweite Instanz in Italiens administrativem Justizsystem, muss heute Dienstag über einen Antrag des Konsumentenschutzverbands Codacons beraten. Dieser will dem Jackpot eine Grenze von 100 Millionen Euro setzen. „Die Höhe des Jackpots ist skandalös. Der Jackpot nährt ein gefährliches Rennen der Bürger in Richtung Selbstzerstörung, in der Hoffnung reich zu werden“, so Codacons. Der Jackpot wurde diesmal sieben Monate lang nicht geknackt. In Italiens Staatskasse floss dadurch fast eine Milliarde Euro.
Salzburger Nachrichten, 25.08.2009