Plastik im Blut, Gift im Schnuller
Manuela Swoboda, Markus Kirchsteiger
In den Weltmeeren schwimmt sechsmal mehr Plastikmüll als Plankton. Bis zu 500 Jahre überdauern bestimmte Kunststoffarten in Böden und Gewässern. „Plastik ist praktisch überall, sogar in unserem Blut", sagt der österreichische Regisseur Werner Boote nach zehn Jahren Recherche für seinen Dokumentarfilm „Plastic Planet", der soeben im Kino angelaufen ist. Die gesammelten Daten und Fakten sind erschreckend.
„Zur Zeit werden allein in Europa rund 60 Millionen Tonnen Plastik im Jahr produziert", prahlt John Taylor, der Präsident von PlasticsEurope, der Dachorganisation der europäischen Kunststofferzeuger. Allein mit der Menge an Kunststoff, die in den vergangenen 100 Jahren produziert wurde, könnte man den ganzen Globus sechsmal einwickeln. Über die negativen Seiten von Plastik spricht John Taylor weniger gern. Das sei nicht seine Sache, sagt er in „Plastic Planet". Werner Boote sieht das anders, schließlich war sein Großvater Plastik-Fabrikant. In Michael-Moore-Manier (dumm stellen, blöd fragen) hat er Grauenhaftes entdeckt, auch an den entlegensten Flecken der Erde wie in der Sahara in Marokko. Dort hinterließ die Film-Crew des Historienschinkens „Lawrence von Arabien" einen bleibenden Eindruck: Tonnen von Müll.
Doch die Berge breiten sich auch ins Meer aus: Mikroskopisch kleine Kunststoffkügelchen vergiften die See. Nach Angaben der UNO finden sich mittlerweile 13.000 Stückchen Plastikmüll in jedem Quadratkilometer Meer. Auch wenn die Wissenschaftler sie zärtlich „Tränen der Meerjungfrau" nennen: Sie sind tödlich. Fische und Vögel fressen sie wie Plankton und verenden oft da ran. Über die Nahrungskette gelangen so verschiedenste Chemikalien aus der Kunststoffindustrie bis zum Menschen. Die größte marine Abfalldeponie wächst seit 60 Jahren im Pazifik: ein gigantischer Müllstrudel. Diese Gift-Suppe dreht sich in einer Strudelbewegung knapp unter der Meeresoberfläche. Der Grund des Übels sei allerdings an Land zu suchen, erklärt der kalifornische Meereskundler Jim Dufour. Mit einer Gruppe von Wissenschaftlern untersucht er den Müllstrudel, um herauszufinden, wie der gefährliche. Abfall aus dem Meer gefischt und verwertet werden kann. „Es wird Jahre dauern, das Problem überhaupt zu erfassen", sagt Dufour. Problematisch ist aber nicht nur die Menge an Müll, sondern auch sein Inhalt: Die Wissenschaft streitet darüber, wie schädlich Substanzen in den Kunststoffen sind. In „Plastic Planet" heißt es, dass Bisphenol A, das etwa in Babyflaschen, Schnullern und Mikrowellengeschirr vorkommt, zu Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes sowie Fettleibigkeit führen kann. Werner Boote entlockte einem Industrie-Boss sogar das Geständnis, dass Bisphenol A einer der „heftigsten giftigen Stoffe" ist.
Kleine Zeitung, 19.09.2009